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LESEPROBE

NartumMo 3. Jan. 1983

Traum: Ich stehe an einem Spielautomaten und sehe, daß ich wieder nichts gewonnen habe.
   "Das ist ja direkt komisch", sage ich: "Wieder keinen einzigen Pfennig!"
   Ein Gast rät mir, die Kassette herauszuziehen. Und da sehe ich ein kleines Fach mit hundert goldenen Herzchen.

*

Am Nachmittag kamen drei ehemalige Schülerinnen zu Besuch. Ich war "von den Socken", wie die sich entwickelt hatten, niedliche Figürchen, absolut knackig. Die eine von ihnen war ein Problemfall gewesen, um die ich mich besonders gekümmert hatte, mit Hausbesuchen und so weiter. Es gibt ja Lebensläufe, bei denen einem die Spucke wegbleibt.
   Ich freute mich über den Besuch und fand ihn gleichzeitig lästig. Etwas kicherig waren sie und nicht sehr mitteilsam. Als ich sie fragte: "Erinnert ihr euch noch ans erste Schuljahr?" sagten sie: "Immer mit die Lobesmarken..."

1990: Lobesmarken, das waren kleine runde Pünktchen, die ich den Kindern mit Schwung auf die Wange klebte, so als wollte ich sie ohrfeigen. Sie nennen sich "Zweckform-Markierungspunkte" - und sind in zehn Farben und drei Großen zu haben. Ich bin den kleinen bunten Dingern von Herzen zugetan und habe sie auch jetzt noch ständig vorrätig, obwohl ich sie für meine Arbeit nicht benötige. Ihr bloßer Besitz beruhigt mich, die Möglichkeit, wenn Chaos sich einstellen sollte, mit ihrer Hilfe ordnend eingreifen zu können.
   In der DDR, so hörte ich neulich, kriegen Kinder einen Tadelstrich, wenn die Eltern vergessen, das Diktat zu unterschreiben.

Im allgemeinen kriege ich nur selten ehemalige Schüler zu sehen, auf der Straße erkenne ich sie meistens nicht. Neulich beim Hemdenkauf in Zeven: "Aber ich bin doch die Diane!" Sie behauptete, von mir niemals eine der besagten "Lobesmarken" bekommen zu haben, was ich einfach nicht glauben kann. Wie Konfetti habe ich diese kleinen Papierdingerchen - ganz unpädagogisch - über Gute und Böse ausgestreut. Wenn es tatsächlich stimmt, was sie gesagt hat, dann hätte ich einen nicht wiedergutzumachenden Schaden angerichtet. Arme Schüler! Arme Lehrer!
   Ehemaligen Schülern zu begegnen, ist immer peinlich. Vielleicht aus demselben Grund, aus dem man wegguckte, wenn man einem ehemaligen Lehrer begegnete. Obwohl man in der Schule nichts vom Baum der Erkenntnis zu essen kriegte, verbarg man sich doch vor den Göttern. Es sind die Blößen, die man sich gegeben hat. "Kempowski suchte zu täuschen." So etwas hängt noch lange im Raum.
   Der tragisch-deplaziert wirkende Lehrer auf Schülertreffen, die Schulterklopferei. Dem Lehrer ein Bier spendieren, damit er auch mal was hat... Aus Gnade und Barmherzigkeit nimmt man ihn auf, und die Gespräche gehen über ihn hinweg. "Aus Ihnen ist ja doch noch was geworden", sagte mal ein Lehrer zu meinem Vater kurz vor seinem Tod.
   Da die Mädchen absolut nicht zum Sprechen zu bewegen waren, nutzte ich die Gelegenheit und befragte sie über ihre Vision von Zukunft. Ich dachte, sie würden von vergifteter Atmosphäre reden, no future, so in diesem Stil. Nichts da! Ein Häuschen mit Garten war ihr Wunsch.
   Ich hatte als Kind eine sonderbare Idealvorstellung von meinem Leben: Ich wollte im Bett liegen, Dick-und-Doof-Filme sehen und dazu Marmeladenbrote essen. Heute könnte ich mir das leisten.

1990: Noch zu dem System von Ermutigungsgeschenken, das ich mit der Zeit entwickelt hatte: Ich verteilte neben den Lobesmarken auch "Gut"-Scheine (im Gegensatz zu "Bös"-Scheinen, die es bei mir natürlich nicht gab). So was nennt man Bonbonpädagogik, und das ist natürlich schärfstens abzulehnen. Übrigens kam kein Kind auf die Idee, die "Gut"-Scheine einzulösen, es war ja auch mehr ein Witz, was sie im Gegensatz zu ihren Eltern sofort verstanden.
   Ich habe in einem Lexikon nachgeschlagen, was es mit dem Lob auf sich hat. Demnach hätte ich mich schlimmstens an den Kindern vergangen.

Abgesehn davon, daß ich als Kind, wenn ich mich ruhig und "gesittet" verhielt, zur Belohnung die Puddingschüssel auslecken durfte, ist mir aus der Kindheit nur ein einziges bedeutungsschweres Lob in Erinnerung geblieben. Meine Mutter heizte gerade den Badeofen an, ich stand bei ihr und sagte seufzend, aus mir werde wohl nie was Rechtes werden (vier Jahre alt). Da sagte meine Mutter: "Du wirst einmal ein tüchtiger Kaufmann." Die Gewißheit mit der sie das sagte, machte mich geradezu selig.

*

Literatur: Grimms Märchen, aus den "Büchern der Rose", Herausgegeben von Thilo-Luyken, mit Bildern von Dora Polster. Ich besaß das Buch schon als Kind, meine Mutter las daraus vor, wenn ich abends in meinem Grießbrei Kanäle grub, und nun bekam ich es zu Weihnachten von einer Leserin zugeschickt, und ich freue mich über die Erinnerungen, die mir beim Ansehen der Bilder kamen. - Es beginnt mit dem "Marienkind". Die Sache von der 13. Kammer, die das Kind trotz des Verbotes betritt. In diesem Fall ist es die Dreieinigkeit, die es in der Kammer zu sehen gibt. In andern Märchen sind es geschlachtete Menschen ("Fitchers Vogel" und "Blaubart"). Ich habe dieses Motiv im "Kapitel"* [* "Kapitel" = Ein Kapitel für sich] verwendet. - Von den "Wichtelmänner"-Märchen ist mir besonders das dritte immer das liebste gewesen. Die Sache mit dem Wechselbalg:

Nun bin ich so alt wie der Westerwald, und hab nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht.

Man behält immer das im Gedächtnis, was einem rätselhaft ist: Ein Wechselbalg, was ist das, und in Eierschalen Wasser kochen? Wie schön, daß man selbst nicht vertauscht wurde, als Kind und: Was Wichtelmänner wohl mit geraubten Kindern anfangen?

NartumDi 4. Jan. 1983

T: Ich komme mit meinem Auto nicht recht vorwärts, der Wagen schleicht dahin. Hinter mir ein Baggerführer, wird schon ganz unruhig, weil er mich nicht überholen kann. Ich denke: Gleich nimmt er dich auf die Schippe. - Da halte ich eine große Puppe vor mir auf dem Schoß, sie hat das Gesicht meiner Mutter, und ich drehe an zwei Kurbeln, die seitlich aus ihrem Leib herausstehen, und damit drehe ich das Auto vorwärts. (Der Traum will mir vermutlich sagen: Du vermarktest deine Mutter. Alter Freund!)

*

Ein sogenannter Spaziergang war fällig. Es regnete, und ich mußte gegen den Wind anstiefeln. In den Pfützen schwammen die schmutzigen Überreste der Silvesterknallerei, und die schwarzen Plastikplanen, die die Bauern auf dem Feld liegenlassen, knatterten im Wind. Den Hunden, die ich durch allerlei Finten versucht hatte abzuhängen, macht solches Wetter nichts aus, sie wälzen sich in den Pfützen und fühlen sich noch wohl dabei. Manchmal laufen sie mir weg. Früher hab' ich dann hinterhergepfiffen und geschrien. Das laß ich nun, sollen sie weglaufen, sollen sie sich eine Ladung Schrot einfangen. Wer nicht hören will, muß fühlen. Glücklicherweise begegnet mir niemand. Als erwachsener Mensch von einem Jäger am Ohr gezogen zu werden, warum man die Hunde nicht anleint und was man hier zu suchen hat, ist auch nicht gerade angenehm. Der hiesige Jäger hat sich erst vor zwei Jahren in Nartum angesiedelt, und wir wohnen hier schließlich schon seit zwanzig Jahren. Ich stellte mir vor, daß dieser Mensch plötzlich hinter einem Baum hervortritt, wie ein Unhold, und malte mir aus, wie ich darauf reagiere: Wenn er zum Beispiel nicht "guten Tag" sagt und gleich damit anfängt, mich auszulümmeln, ihn anschrein: "Wer sind Sie überhaupt? Können Sie sich nicht vorstellen? Was bilden Sie sich überhaupt ein?"
   Ich schrie meine Argumente und leider auch Beschimpfungen in den Wald, um sie für den Ernstfall zu üben, und die Hunde guckten mich recht blödsinnig an. Sehr quälend war es, daß ich in einer Art Gehirnautomatismus die Polowetzer Tänze vor mich hinsummen mußte, den ganzen Spaziergang über. Ein Gutes hatte der Spaziergang. Ich konnte am Nachmittag sagen: Ich war schon.

*

Lit: Der treue Johannes. Nicht die falsche Beschuldigung, die Untreue des Königs, sondern das prachtvolle Schiff mit den goldenen Kleinodien und vor allem das fuchsrote Pferd, das "dahergesprengt" kommt. Und daß die Prinzessin "Jungfrau vom Dache" heißt.

TV: Allerhand Wintersport: Das Skifliegen, eine Art höhere Schummelei, denn nur durch den speziellen Bau der Schanze wird das Fliegen möglich.

Textauszug aus
Walter Kempowski: Sirius - Eine Art Tagebuch


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