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NartumMi 4. Januar 1989
Bild: Blitzeis bei Tempo 160/Minister Haussmann: So kam ich lebend raus
ND: Kollektive im Wettbewerb zum Wohle des Volkes.
Dank der Pille schlief ich gut. Jetzt rumort es unten, in einer Stunde beginnt das Seminar, und bevor es beginnt, muß aufgeräumt werden: Stühle richtig hinstellen, Klos säubern usw. Pflicht erfüllen. - Also aufstehen.
Am Fenster stehen, bauchwalkend: Rauhreifgarten, alles weiß. Das kommt uns zustatten! Das geht à conto des Literatur-Seminars. Die denken, das ist hier immer so, und sie werden sich ewig daran erinnern: In Nartum damals gab es einen festlichen Rauhreif zu sehen.
Zeitungsausschnitt über eine Lesung Siegfried Lenz' am 18. November 1988 in Rostock. Merkwürdig, daß er von den Rostockern eingeladen wird und ich nicht. Alle möglichen West-Autoren werden von den DDR-Leuten eingeladen, nur Kempowski nicht. Eigentlich schade, daß Sigi nicht den Mut fand, dort auf mich hinzuweisen. Das hätte sich eigentlich so "gehört", und es hätte ihn nichts gekostet. Vielleicht hat er's ja getan.
Sichtung der "Hundstage"-Kritiken.
Kramberg in der SZ meint, die "Hundstage" seien der tapfere Versuch, einen Motor laufen zu lassen, dem der Treibstoff ausgegangen ist. Seit 19 Jahren sei er mein "Getreuer", aber jetzt sei mir wohl der Treibstoff ausgegangen.
Treibstoff? - Gluck-Gluck oder was meint er?
Die Kritiker sagen mir, wie ich meine Bücher schreiben soll. Es soll schärfer bei mir zugehen, zugespitzter. Es sollen also Fetzen fliegen. Was soll ich machen? - Bei mir fliegen keine Fetzen!
Wenn ich mal ein deutliches Wort zu ihren Erzeugnissen von mir gebe, sind sie sofort beleidigt.
Seminar: Die sonderbarsten Sachen ereigneten sich. Abends schlossen sich welche in die Oma-Stube ein, um sich ungestört unterhalten zu können. Das ärgerte mich ganz besonders, weil ich ja während des Seminars nie irgend etwas abschließe. Eine andere Teilnehmerin verlangt eine Nagelschere: Sie hakt immer hinter beim Stricken.
Ich war heute ziemlich empfindlich, das machte die gestrige Valium, die nächtliche Betäubung muß abgebüßt werden, das ist klar. Die Katzen beklagten sich über den Menschenlärm, und ich mußte sie kraulen, eine mit links, eine mit rechts.
"Sind das Ihre Hühner?" - "Sind die Hühner den ganzen Tag eingesperrt?" wird gefragt. Ich: "Wir peitschen sie jeden Tag aus, morgens früh, damit sie munter werden."
Dorfroman: Hildegard hat den Hühnern hübsche Namen gegeben. Emilie, Sophie, Wilhelmine, es sind die Namen ihrer Urgroßmütter. Nach dem ABC sei sie vorgegangen, und jetzt fürchtet sie, alle durcheinander zu kriegen. Den Hund Robby nennt sie im Augenblick ihren "Munterhund".
Die schwarzen "Langschan"-Hühner sind es, die die Namen bekamen, die "Italiener" werden nicht in gleicher Weise ausgezeichnet. Das ist ganz in meinem Sinne. Sie sind nervös auf eine befremdliche Weise. Der Hahn allerdings, ebenfalls italienischen Ursprungs, heißt Richard.
Frau Schönherr sagt, es sei ganz falsch, Hühnern Namen zu geben, dann könne man sie später nicht schlachten.
Am Abend kredenzte mir Hildegard einen heißen Kakao, ich nahm ihn bei ihr im Pavillon und sorgte dafür, daß sie es mitkriegten, die Leute-Gäste: Die wohltuende Liebe meiner Frau sollten sie besichtigen. Das ist gut fürs sogenannte Image.
Ich ging dann mit ihr noch einmal den Sirius angucken. Das hatte mit den "Hundstagen" nichts zu tun. Wir stießen draußen auf einen Herrn, der ums Haus herumschlich und die erleuchteten Fenster fotografierte. Er versteckte sich vor uns.
Ein Heiliger ist für den heutigen Tag nicht vorgesehen. Ich las etwas im Liturgischen Lexikon. So was erfrischt.
Kerze, Licht, das vom sich verzehrenden Wachs der Kerze genährt wird, ist in besonderer Weise Sinnbild Christi, der sich für uns in Liebe opfert; zugleich sind brennende Kerzen Zeichen der Bereitschaft für den kommenden Herrn. So zeigt die brennende Kerze die Gegenwart Christi an: am Altar, beim Evangelium, beim Geleit des Priesters, vor dem Tabernakel und dem ausgesetzten Allerheiligsten; sie wird dem Christen bei der Taufe überreicht, er trägt sie bei der ersten Kommunion und in der Osternacht, sie begleitet ihn bei der Hochzeit als Braut- und in der letzten Stunde als Sterbekerze; mit brennenden Lichtern wird er aufgebahrt und zu Grabe getragen. Brennende Kerzen vertreiben das Dunkel; so werden sie zu Beginn der Osternachtwache und jeden Abend zur Vesper feierlich entzündet und brennen als Wetterkerzen.
Die Kerze verbrennt sich selbst, um anderen zu leuchten. Kein großes Kirchenlicht sein .
Was hilft Kerze, was hilft Brill'/wenn man doch nicht sehen will?
Sie sitzen vor Stereoanlagen und hören Rockmusik, und dabei dürfen Kerzen nicht fehlen.
1999: Neuerdings werden weiße Papphülsen auf den Altar gestellt, in die oben ein Teelicht eingesetzt wird. - Was bedeutet es, wenn eine Kerze an beiden Enden brennt?
Nartum Do 5. Januar 1989
Bild: Giftgas-Krise - US-Jäger schießen 2 MIGs von Gaddafi ab /Libyen droht mit Vergeltung
ND: Wehrdienst im Sozialismus ist Dienst am Frieden
Post: Eine Dame aus Österreich schreibt, daß meine Bücher sie zum Schmunzeln angeregt haben. Es wird auch Leute geben, die über meinen Romanen die Fäuste ballen. Oder ausspucken, wie jene Studentin in Oldenburg.
Jemanden an den Kanthaken kriegen.
Ein Herr schickt zwei Ansichtskarten eines Kreuzfahrtschiffes, ob ich die gebrauchen kann.
In den USA gibt es Spezialgeschäfte für Glückwunschkarten. Man müßte mal einen ganzen Jahrgang aufkaufen und lagern. Später wird es bestimmt Sammler dieser Spezies geben. Wenn wir mit Ansichtskarten bedacht werden, sagt Hildegard: "Was das kostet!"
Eine Dame lädt mich in den Harz ein, sie hätte viel Platz im Haus, und ich hätte dort mein Reich für mich, wir könnten uns dann was von unserm Mecklenburg erzählen bei Doppelkorn oder einem Glas Rotspon. Und dann geht sie in die Küche und kocht "uns zwei Beiden was Schönes". An sich ja nett von ihr.
Literatur-Seminar: Das übliche Gewusel. Die Leute ziehen folgsam Hausschuhe an, das hat was von Après-Ski an sich. Jeder hat irgendwo sein Gewölle. Es fehlt der große Ofen, auf dem wir es uns gemütlich machen können, so ein allgemeines Geschmuse. Ein Schmuse-Seminar mit synchronen Ejakulationen. O Gott, das Gekreische!
Martin Andersch sagte beiläufig, daß er schon Tage vorm Seminar keine Eier ißt, um bei uns tüchtig reinhauen zu können, unsere Eier schmeckten so gut. Am meisten ißt Deuterus, es ist sagenhaft, was der verdrücken kann.
Gegen Mitternacht gründete ich mit der Jugend einen Pfefferminzlikör-Klub, giftgrün muß er sein! Dann ab ins Bett, von unten ist das Weitermachen zu hören. Ich liege, den Kopf auf drei Kissen und lese in einem alten Konzertführer. Diese sonderbaren Texte müßte man in einem Hörspiel verarbeiten:
Über einem dissonanten Pizzikato der Streicher huscht ein geheimnisvoll-phantastisches Thema der Flöte, durch die pizzikierende erste Violine verschärft, im schnellen Ab- und Aufstiege dahin. Dieses Thema stellt nur die tonliche Zerlegung der beharrenden Dissonanzunterlage dar. Im Gegensatze zu der Erdhaftigkeit des Brucknerschen Scherzos in den meisten übrigen Sinfonien ist dieses gleichsam in eine entmaterialisierte, rein geistige Sphäre emporgehoben: ein ätherisch leichtes Auf- und Niederschweben der von aller irdischen Schwere befreiten Seele .
Immerhinque: Wenn eines Tages alle Tonträger zertrümmert sein werden und niemand mehr ein Instrument zu spielen versteht, wird man dergleichen noch lesen können. Vielleicht entsteht dann eine spezielle Gedankenmusik.
Ähnlich geeignet als Bettlektüre und jedermann zu empfehlen sind Ratschläge für den "guten Ton".
NartumFr 6. Januar 1989
Bild: Gesundheitsreform /Herr Blüm, diese Kranken klagen an
ND: Hohe Wettbewerbsziele zum 40. Jahrestag der DDR
Wellershoffs Jugenderinnerungen. Die Soldaten zogen die Köpfe ein, schreibt er. Sind das denn alles Mißgeburten? Sie setzten sich ihre Stahlhelme auf. Hatte denn jeder zwei? Wie in Kolumbien, da tragen die Frauen in der Tat mehrere Hüte? "Sie setzten sich ihre Hüte auf", das ist zwar unsinnig, aber in diesem Fall korrekt.
Das Seminar ist beendet, freundliche Leute waren es, fünf Tage. Ade Pfefferminzlikörklub! Und ade, ihr lieben Leute, nie sehen wir uns wieder. Ich duschte mich, um ein neues Leben anzufangen, und präsentierte mich der lieben Hildegard in tadelloser Verfassung, putzte mir die Schuh und zog ein helles Jackett an. Vor den mexikanischen Masken blieben sie stehen. Sie hängen im Archivgang wie in Gutshäusern die Gehörne von Rehböcken. Was mich vor Jahren "umschmiß", der Unterschied zwischen den öden Andenkenläden in San Diego und zehn Meilen weiter südlich, in Mexiko die Explosion von Volkstum. - "Was sind das für Masken?" fragten sie. Ich zeigte ihnen die primitiven Materialien, aus denen die Masken gefertigt wurden, Krebsschwänze auf halben Kokosnüssen. Und ich gab die Story zum besten, wie ich in Thaos auf dem Fußboden gesessen hab', die Masken um mich herum.
"He is impressed", sagte eine Kundin zu der Verkäuferin.
"My name is Elisabeth", sagte die Verkäuferin und nahm meinen Scheck und versprach, mir die Masken nach Deutschland zu schicken. Und sie tat's! Ich versprach ihr dafür ein Foto von den aufgehängten Masken, und ich tat's nicht! Eine nicht zu überwindende Trägheit hielt mich davon ab.
Die Hühner waren die Stars, wurden fotografiert von allen Seiten. "Sind das alles Hähne?" - Manchmal lasse ich extra eine Tür offen, damit sie ins Haus kommen. Eine Henne lagerte unter dem Sofa und lauschte meinen Ausführungen.
M/B: Die Anekdoten sind es, die das größte Interesse hervorrufen. Daß die Autos in Polen von den mitreisenden Werksleuten nachts, während wir schliefen, gewaschen wurden z. B., und daß die Ford-Leute uns vorsorglich Kleingeld für die Strafmandate der Polizei aufs Amaturenbrett gelegt hatten.
Die Laien-Lesungen am letzten Abend: Eine Greisin setzte sich extra auf die Stufen, statt auf den Vortragsstuhl, sie meinte wohl, das wirke jugendlich und progressiv. Eine andere erklärte, dass sie vorm Schreiben immer erst aufs Klo geht und sich tüchtig auspinkelt. Das wurde nachher noch in Knittelversen glossiert.
Zwölf Nächte
Die geheimnisvolle Zeit der Zwölften oder Zwölf Nächte beginnt am 25. oder am 29. Dezember, zuweilen auch schon am 13. Dezember. In diesen Rauhnächten (die wichtigsten sind die zum 25. und 29. Dezember, 1. und 6. Januar) erreicht nach altem Glauben die dämonische Macht der Finsternis ihren Höhepunkt. Ihr muß mit Lärm und Maskenumzügen begegnet werden. An manchen Orten spielt dabei die Gestalt der Perchta (Berchta), einer Frauenfigur aus der germanischen Mythologie, eine Rolle (Perchtenläufe, Perchtenspringen). Auf germanische Vorstellungen geht auch die Furcht vor dem "wilden Jäger" (bzw. der "wilden Jagd") zurück, der in diesen Nächten unterwegs ist; vielerorts gilt es auch heute noch als gefährlich, während dieses Zeitraums Wäsche zu waschen und zum Trocknen aufzuhängen. Seit alter Zeit haben um Neujahr und Epiphanie allerhand Deute- und Beschwörungsbräuche ihren Platz (Orakel, Bleigießen, Neujahrs- oder Dreikönigszauber). Dreikönigsgebäck mit einer eingebackenen Bohne oder Krone wird gebacken und ausgeteilt, um den Bohnenkönig zu krönen. Älter noch ist die Vorstellung, daß die "armen Seelen" durch Backwerk in besonderer Gestalt versöhnt werden können. In vielen Familien wird am 6. Januar der Weihnachtsbaum geplündert.
Was man alles nicht weiß!
Die Wilde Jagd jagte heute denn auch ums Haus herum, ganz zünftig. Ich sitze in meinem Bett und horche in das Zittern und Heulen hinaus. Nach altem Glauben sind es die Engelheere, gute und böse, die miteinander kämpfen! Der Gedanke, daß die liebe Mutter heimat- und wärmelos sich unter ihnen befindet und auch mitkämpfen muß .
Die zwölf Rauhnächte: In unserm unfeierlichen Norden hat man von all dem keine Ahnung. Es weht halt, das ist es.
23.30 Uhr. - Stille ist eingekehrt. Kalt.
Über Erika Mann. Ihr psychedelisches Ende. Dann doch tragisch, wie jedes Menschen Ende.
Textauszug aus
Walter Kempowski: Alkor - Tagebuch 1989
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