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Bevor wir uns in die Stadt hineintrauten, nicht so sehr "Buddenbrooks" im Sinn, sondern eher "Nosferatu", die Ratten in dem Film von Herzog, wie sie in Lübeck durch die Hinterhöfe huschen, unsere aufwallenden Gefühle mehr fürchtend als Verkehrsschwierigkeiten, trafen wir auf die "Trotzenburg", dieses Kaffee-Lokal, in dessen Garten früher ein Keramikhuhn gestanden hatte, das Blecheier legte.
Kaffee und Kuchen gab es hier damals und stark verdünnten Himbeersaft. Vater trug Knickerbocker und ein weißes Leinenjackett. Der obligate Sonntagsausflug: Erst sich im Tierpark ergehen, den Bären Kunsthonigschnitten zuwerfen, die in ihrem engen Käfig auf- und abliefen, jeden Winkel ausnutzend, wie wir später in Bautzen, dann zum Kaffeetrinken in die Trotzenburg, wo man ewig auf den Kellner warten mußte.
Im Garten der Trotzenburg pinkelten wir uns erst mal richtig aus, wer konnte denn wissen, was uns erwartete! Genau an dieser Stelle hatte früher ein Kinderkarussell gestanden mit traurigen kleinen Ponys, die es in Gang hielten, immer rundherum. Das Menschengeschlecht. Das Menschenpack.
Ich zögerte noch etwas mit dem Weiterfahren, bis Robert schließlich sagte: "Ja, was ist denn nun?" Wir putzten also die Brille und fuhren weiter: vorüber am Sportpalast, wo Hitler mal geredet hat, und wo wir dann als Pimpfe "geschliffen" wurden, die Parkstraße hinunter an dem Sockel des eingeschmolzenen Skagerrak-Denkmals vorüber: quer über die Straße ein meterdickes, silbriges Fernheizungsrohr, das sogar, wie wir später sahen, auf Stelzen durch die Wallanlagen geführt wurde.
Wir fuhren erst mal um die Stadt herum und näherten uns von Osten, wie damals die Picknickgesellschaft meines Großvaters, vor dem Weltkrieg, "mit de Pierd will'n Se noch na Rostock?" - Am Petritor saß kein Mütterchen, das uns erkannt hätte, das Tor ist verschwunden, es wurde von den Kommunisten gesprengt. Warum? - Die bröckelnde Stadtmauer, die ruinierte Petrikirche, Schutthaufen rechts und links.
Wir parkten den Wagen vor dem Hotel "Warnow" und gingen über einen Trümmerweg in die Innenstadt hinein. Robert sonderbar kühl, der wollte Emotionen gar nicht erst aufkommen lassen. Das Kröpeliner Tor.
Herrgott, wie sieht die Stadt aus! Die Kröpeliner Straße ging ja noch, streckenweise sogar ganz hübsch wiederaufgebaut, aber vorne hui und hinten pfui! In den Seitenstraßen verfallene Häuser mit eingestürzten Dächern, Dreckhaufen, die Straßen voller Schlaglöcher, Pfützen. Und über allem der gelbliche Braunkohlen-Qualm, aus den Schornsteinen giftig, der sich auf die Bronchien legt.
Die Menschen mit Parkas und Anoraks in den verschiedensten Farben, obwohl doch gar kein Schnee lag, und wunderlichen Mützen. Junge Leute in DDR-Jeans, Aktenkoffer mit Frühstücksbrot in der Hand. Ich mit meiner Prinz-Heinrich-Mütze war gut getarnt, aber Robert mit steifem Hut und britischem Schnurrbart erregte Aufsehen. Er sagte zum Uniontheater "Metropol" und wußte zeitweilig gar nicht, wo er war. Nun ja, vierzig Jahre sind seither vergangen.
Das Metropol, "Union" und die "Schauburg": Dick und Doof als Elektrohändler - das Kinogeld mußte zuvor vom Großvater erbettelt werden.
Auf dem Universitätsplatz der Anflug von Herausgeputztheit, neue Häuser anstelle von Baracken der Nachkriegszeit, bereits ein wenig angebröckelt - und alte Häuser, deren "Rekonstruktion" schon wieder Risse zeigte. In der Mitte des Platzes der "Brunnen der Lebensfreude", ein bißchen nazihaft, wie auch die anderen zahlreichen Skulpturen, die in der Stadt gleichmäßig verteilt sind, bronzene Mädchen im Ringelreihen, Lebensfreude auf Deubel komm raus. Wer wird denn sauertöpfisch hinterm Ofen hocken?
Altvertraute Denkmäler sind verschwunden: der Marmorknabe auf dem Rosengarten, angeblich ein Enkel des letzten Großherzogs, deshalb verdammenswürdig, das Fritz-Reuter-Denkmal vorm Kröpeliner Tor, "ein Wanderknabe in Granit", wie Robert es ausdrückte, und Pogge, der wohl wegen seiner Afrikaforscherei hier nicht tragbar ist. Auch den Füselier auf dem St. Georg-Platz hat man entfernt, mit dem verkehrtrummen Gewehr: eigentlich ja charakteristisch für Revolutionsleute 1918, unter dem wir als Kinder Schneemänner bauten mit Albrecht Josephy, der grade noch rechtzeitig in die Schweiz ging. Großherzog Friedrich Franz, um den herum Platzkonzerte stattfanden. "Blasen Sie fis!", hatte der Musikmeister dem Oboisten zugerufen. Das Denkmal hatte schon im Krieg dran glauben müssen.
Aber "Pingel und Topp" existiert noch und natürlich "Blücherten" vor der Universität, zu dem die Russen aus waffenbrüderlichen Gründen ein freundliches Verhältnis hatten.
Auf dem Hopfenmarkt hatte ein westdeutscher Händler Tische aufgestellt mit Lederwaren, leicht beschädigten Handtaschen und Aktenkoffern. Das Zeug ging rasend weg. Gleich daneben südländische Geldwegzauberer.
Wir schlenderten über den "Boulevard". "Ich geh' in die Stadt", pflegte meine Mutter immer zu sagen, damit meinte sie die Blutstraße mit den feinen Geschäfte: Juwelier Dieken, Leinenhaus Ratschow. Sie setzte sich dann ihren Vogelbalghut auf und zog das Netz übers Gesicht: im Spanischen Garten Datteln kaufen oder bei "Leopold" ein Buch.
Jetzt ist im Leinenhaus Ratschow, dem alten gotischen Pfarrhaus der Heiliggeistkirche, eine Bibliothek untergebracht, sie ist nach Willi Bredel benannt, dem alten Lügenbold. Das Kruzifix über dem Eingang hat man mit Zement zugewischt. Vordem Krieg trafen sich auf dem "Boulevard" nachmittags von fünf bis sechs junge Leute zum "Bummel". Nur auf der linken Straßenseite wurde ge"bummelt", und dort auch nur vom Markt bis zur Universität. Mädchen ankucken, anrempeln, rüberrufen. Zu Kaisers Zeiten taten das schon die Korpsstudenten in ihren Farben. Vielleicht waren sie es, die damit angefangen hatten?
Witten Schal - schlag em daal,
stiefen Hot - schlag em dot...
Hier passierte es mir, daß mir Hitlerjungen den Hut vom Kopf schlugen. Einen Hut tragen, das war unmännlich. Auch das waren Rostocker. In Bautzen saß ich mit ihnen dann zusammen.
RostockFr 5. Januar 1990
De nich eens dumm west is, kann sin Läwdag nich klauk wardn. (Mecklenburg)
Nach flüchtiger Durchmusterung der Stadt fuhren wir nach Rövershagen. - "Rövershagen", was für ein schöner Name. Von hier aus begannen früher die elend langen Sonntagswanderungen nach Graal, die Eltern auf der Geradeaus-Schneise vorneweg und wir uns hinterdrein schleppend, Tee mit Zitrone in der Feldflasche, der Vater vorn mit Kartentasche und Fernglas aus dem 1. Weltkrieg und die Mutter mit Wandertasche, an "Brandts Kreuz" vorüber, dem "vielfach erneuerten Holzkreuz", das zur Erinnerung an einen Forstmann Brandt errichtet wurde, dem ein Eber den Leib aufgeschlitzt hat, weiß, der Himmel wann. Diese Sonntagswanderungen gehörten zu den Pflichten, die man als Bürger auf sich nahm. Ruth Schaumann + Wandertasche. Und in der Schule den a.c.i. und "Die Bürgschaft". Den langen Weg zu machen, um an der Küste dann eine halbe Stunde auf einer Bank zu sitzen, Brote zu essen und die See anzukucken, die man doch kannte? Unsere Gastgeber wohnen direkt am Waldesrand. Eine kleine mecklenburgische Fahne steckte an der Tür, als wir da vorfuhren. Sie freuten sich über das Gemüse, das wir mitgebracht hatten. Ob die roten Paprikaschoten echt sind?, fragte die junge Frau, und die Kinder probierten die Datteln: "Sowas haben wir noch nie gegessen." (Ein bißchen wie: "Stellen Sie sich das mal vor ...") Das erinnerte mich an die Nachkriegsgeschichte mit den Kirschen. "Kirschen, Mammi? was ist das?" Als ob davon die Seligkeit abhing.
Ich aß Datteln zuletzt vor dem Krieg: Auf der Spanholz-Packung sind heute wie damals Kamele abgebildet und auf den Früchten liegt eine kleine Blechgabel. Seit damals habe ich nie wieder Datteln gegessen. Klebrige Finger kriegt man davon. Wir fühlten uns gleich wie zu Hause, die netten Kinder, ein reich bestückter Abendbrottisch mit wundervollem Brot und erstklassiger Wurst. Eine Art Wohlgefühl breitete sich aus, mecklenburgisch getönt. Man wollte dem "Chronisten des deutschen Bürgertums" Gutes tun und dessen Bruder, der immer so lustige Sprüche losläßt.
Ich aß eine ganze Schüssel Rostocker Mettwurst, Scheibe für Scheibe, mit der ich dann prompt in der Nacht zu tun hatte. Robert ließ seine speziellen Geschichten ab (er wisse, daß er manchmal sehr viel rede), und: "Ich darf doch du sagen?" Schnaps wurde hingestellt und Rostocker Bier, und ich verkniff mir meine blaukreuzlerischen Bevormundungen für diesmal und genehmigte mir hinsichtlich der Mettwurst auch den einen und anderen Rostocker Doppelkümmel.
Lange SED-Geschichten, Neues Forum, Mißstände und daß man die Leute noch längst nicht beseitigt habe und so weiter, die liefen immer noch frei herum und seien in Amt und Würden. Allerhand Verbitterungen: Anstatt die Vertreter des Neuen Forums zu interviewen, sind westdeutsche Fernsehleute aufs Rathaus gezogen und haben mit dem SED-Bürgermeister gesprochen. Aber, liebe Freunde, das ist doch selbstverständlich, die gläubigen Westler, wohin sollten die denn gehen? Es sind manche DDR-Verherrlicher darunter, die von mir kein Stückchen Brot nehmen würden.
Die westdeutschen Autofahrer seien so wahnsinnig höflich ..., das wunderte sie. Höflich seien sie, das könne man nicht anders sagen.
Ich hörte mir das alles sehr ungern an. Von diesen alten Geschichten mag ich nichts hören. Ich habe mit ganz was anderem zu tun. Mir hängt das Heimat-Spruchband aus dem Mund heraus. Besser, man schluckt's wieder herunter.
Man zeigte uns geschmuggelte Kempowski-Taschenbücher, die in Rostock bis zur völligen Zerfledderung von Hand zu Hand gegangen waren, und die Kinder holten ihre Schulbücher, voller Lügengeschichten und Verdrehungen, die ich mit Wohlgefallen durchsah. In der Deutschen Schule zu Stockholm wird noch heute danach unterrichtet, wie zu hören ist, Westermann oder Schrödel kommt denen nicht ins Haus! Die Kinder saßen rechts und links von mir, leicht nach Seife riechend und mit entzückend Rostocker Anklingungen im Dialekt. Der Junge schenkte mir sein Pionierhalstuch. Vielleicht kriege ich die vollständige Uniform eines jungen Pioniers zusammen? Ich werde eine Schaufensterpuppe damit bekleiden und mir ins Arbeitszimmer stellen.
Eine Literaturgeschichte wurde mir vorgelegt, in der auch ich mit dem "Tadelloser" verzeichnet bin:
Das alltägliche Leben einer Rostocker Reederfamilie während des Faschismus und danach wird vorgestellt, die geschichtliche Umbrüche und Katastrophen weitgehend unberührt und ohne Gewinn an Erfahrung hinnimmt. Kempowskis Unverständnis für die revolutionäre Umgestaltung im Osten Deutschlands und der DDR mündet in seinen folgenden Romanen in antikommunistische Tendenzen.
So schreibt die Autorin Ursula Reinhold in der "Geschichte der Literatur der Bundesrepublik Deutschland", erschienen im Volk und Wissen Verlag 1983. "Kempowski schildert kleinbürgerliches Verhalten ohne jede Distanz." Ob man sich mit der Dame Reinhold mal unterhalten kann? Bei Kaffee und Kuchen? Wes Geistes Kind sie ist? Alle Tassen im Schrank? - Aber warum eigentlich. Es ist anzunehmen, daß auch in westdeutschen Universitäten dieses Buch Verwendung findet. "Drüben" werde ich noch ganz anders tituliert, das kommt alles aus der gleichen Richtung, und mir weht's das Haar nach hinten. Es wäre interessant, einmal nachzuschlagen, welche Autoren in dem Literatur-Buch wohlgefälliger behandelt werden. Aber irgendwelche Rückschlüsse lassen sich wohl nicht daraus ziehen. Sage mir, wer dich lobt und ich sage dir, wer du bist?
2005: Diese Hochschullehrerin veröffentlicht neuerdings "Gemütlichkeit. Erinnerungen an Kindheit und Jugend". Hätte mir eigentlich einen Brief schreiben können, daß es ihr leid tut.
Unsere Gastgeber erzählten von ihrem ersten Besuch in Lübeck, gleich nach dem Fall der Mauer. Der Schock über die undurchdringliche Grenze bei Grevesmühlen, die man erst jetzt zum ersten Mal zu sehen kriegte. Die drei Kinder mitgenommen wegen des Erlebnisses: "Die haben sie uns gleich weggefangen." Als Entschuldigung in der Schule angegeben, man wolle "Heimatkunde" betreiben. Der völlig unerwartet freundliche Empfang im kapitalistischen Westen, über dessen Spontaneität sich die ganze DDR gewundert hat: So wirksam war die sozialistische Propaganda! Der Klassenfeind existierte überhaupt nicht! Man hatte den Menschen ein X für ein U vorgemacht. In Lübeck: Taxifahrer verteilt Geld.
Lange sorgenvolle Gespräche auch über Steuer, wie das zu deichseln ist, Krankenversicherung und so weiter? Bleibt alles beim alten?
Den Schluß des Abends bildete wunderlicherweise das gemeinsame Ansehen der "Feuerzangenbowle" im Fernsehen, auf das ich auch an diesem Tag - Heimat hin, Heimat her - nicht verzichten mochte. Ich sprach die Dialoge zum Erstaunen der Kinder zeitweilig mit. "Wahr sind nur die Träume ..." Dieser Satz, der irgendwie nicht stimmt, aber doch so voll von wohltuendem Sentiment ist.
"Wahr sind nur die Träume, die wir spinnen, und die Erinnerungen, die wir in uns tragen - damit müssen wir uns bescheiden ..." Wem da nicht die Tränen fließen, dem ist nicht zu helfen.
Gegen Mitternacht lag ich im Bett. In einem 1985 erschienenen Gedichtband des Dichters Jens Gerlach, ursprünglich Hamburger, dann in die DDR gegangen, fand ich ein hübsches Gedicht: "Sendschreiben an meine ehemaligen Landsleute" betitelt. Er bezeichnet die Westler darin als dummdreistes Pack.
Was könnte euch helfen?
noch einmal gewaltige dresche?
nein - zwangserziehung bei marx & co.!
2005: Wo mag der Mann jetzt stecken? Mitglied des PEN ist der Lyriker nicht, aber in der SS-Leibstandarte Adolf Hitler war er und später dann Cheflektor für Schlagertexte am Staatlichen Rundfunk der DDR. - Der vielseitigkeitsgeprüfte Hans Werner Henze hat einiges von ihm vertont. - Heinrich-Heine-Preis 1967.
Ich wachte heute früh erst gegen 10 Uhr auf und hätte wohl noch länger geschlafen, wenn mein Bruder nebenan nicht auf vertraute Weise gehustet hätte.
Der tiefe Schlaf war auf die intensive Seelenarbeit des letzten Tage zurückzuführen, man glaubt immer, die Seele habe keine Muskeln. In einem unbeschreiblich fremden Land ganz zu Hause sein, sich selbst als fremd empfinden bei aller Vertrautheit. Es sind die alten vertrauten Formeln, in Blindenschrift getanzt, die wir abtasten, aber sie sind eingekleidet in sehr Fremdes, nicht zu Entzifferndes.
Textauszug aus
Walter Kempowski: Hamit - Tagebuch 1990
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